Über den politischen Neuanfang im Nachkriegs-Deutschland ist Alfred Haag tief enttäuscht. Am Ende seines Lebens fragt er sich: Waren meine Leiden im Widerstand gegen den Nationalsozialismus umsonst?
Als KPD-Abgeordneter gehört er zu den ersten Opfern der Nazis. Im Jahre 1932 wird Haag in den Stadtrat seiner Heimatgemeinde Schwäbisch Gmünd gewählt. Kurz darauf zieht er mit 28 Jahren als jüngster Abgeordneter für die KPD in den Stuttgarter Landtag ein. Unmittelbar nach Hitlers »Machtergreifung« wird er am 10. Februar l933 von SA-Männern zu Hause abgeholt, ins Gefängnis gebracht und anschließend im württembergischen KZ auf dem Oberen Kuhberg in Ulm inhaftiert. Dort begegnet er Kurt Schumacher, mit dem er einige Zeit in Bunkerarrest verbringt.
Das KZ Oberer Kuhberg wird im Sommer 1935 aufgelöst; die meisten Häftlinge kommen frei, doch für Haag, Schumacher und einige andere heißt die nächste Station Dachau. Gegenüber der SS bleibt Haag selbst in der Strafkompanie aufrecht und unbeugsam. Der Aufforderung seines SS-Blockführers, einen untergebenen Häftling zu beseitigen, widersetzt er sich mit den Worten: »Das können Sie mir nicht befehlen!« Solidarität mit noch Schwächeren bleibt für ihn stets oberstes Gebot. So sammelt er als Blockältester in der Strafkompanie für seine Mitgefangenen heimlich bei den Kameraden in den anderen Baracken Brot. Als das entdeckt wird, verliert er seinen Posten und wird mit schwerer Strafarbeit belegt. Von Dachau kommt Haag im Jahre 1939 ins KZ Mauthausen, das bei den Häftlingen noch mehr gefürchtet ist.
Lina Haag, die selbst bis 1939 inhaftiert ist, setzt sich nach ihrer Entlassung unermüdlich für die Befreiung ihres Mannes ein. Sie dringt bis zum Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, vor und hat schließlich Erfolg: Von ihrem Mut beeindruckt, verfügt Himmler die Entlassung ihres Mannes. Am 1. Februar 1940 kann sie ihn bei der Gestapo in Berlin abholen. Doch nur kurze Zeit darf die Familie zusammenleben. Dann greift der NS-Staat wieder nach Alfred Haag. Obwohl jeder ehemalige KZ- Häftling als »wehrunwürdig« gilt, muß Haag zur Wehrmacht einrücken, mit dem Ziel Ostfront. Alfred Haag und seine Frau wissen, »dies ist ein Krieg, der ohne Gnade geführt wird bis zum bitteren Ende«, wie sich Lina später in ihrem Buch »Eine Handvoll Staub« erinnert. Haag gerät in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Jahrelang bleibt seine Frau im Ungewissen über das Schicksal ihres Mannes. Erst im Frühjahr 1948 erhält sie ein erstes Lebenszeichen von ihm. Ein halbes Jahr später ist die Familie endlich wiedervereint.
Nach dem Krieg müssen die Opfer des Nationalsozialismus hart um eine Entschädigung für ihre Leiden kämpfen. Die Bundesrepublik kauft sich mit einer einmaligen Abfindung von ihrer Fürsorgepflicht frei. Einen Rentenanspruch gewährt sie ehemaligen Häftlingen zunächst nicht. Die Familie Haag erhält als »Wiedergutmachung« nur 150 Mark für jeden Monat der Haftzeit. Das ist alles, womit sich die Eheleute in München eine neue Heimat schaffen können. Mit Tochter und Schwiegersohn bauen sie sich ein kleines Haus und sparen eisern für die Abzahlung der Schulden. Alfred Haag sieht, wie viele ehemalige Häftlinge der Entschädigungsbürokratie nicht gewachsen sind. Er macht sich zum Anwalt seiner Kameraden oder ihrer Hinterbliebenen und streitet ebenso kämpferisch wie früher für deren Rechte. Über die politische Entwicklung in der Bundesrepublik, in der die Gesellschaft vom Widerstand in der NS-Zeit nichts mehr wissen will, ist er tief enttäuscht. Deshalb steckt er seine Energie voll in die Arbeit der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN). Lange Jahre hindurch ist er ihr bayerischer Landesvorsitzender.
Alfred Haag setzt alles daran, die Erinnerung an das KZ Dachau als Ort des politischen Widerstandes und des Leidens wachzuhalten. Bis zu seinem Tod steht er an der Spitze der bundesdeutschen Lagergemeinschaft, zu der sich die Dachau Häftlinge zusammengeschlossen haben. Im Auftrag des Internationalen Dachau- Komitees in Brüssel organisiert er jedes Jahr die Befreiungsfeier in der KZ- Gedenkstätte. Wenn er Besucher durch das ehemalige Lager führt, fällt ihm dieser Gang auch nach so vielen Jahren immer noch schwer. Die grausamen Erinnerungen verfolgen ihn bis in den Schlaf. Seine Frau erinnert sich: »Nachts im Traum ist er manchmal aufgeschreckt und hat gestöhnt.« Seine kämpferische Haltung gegenüber den politischen Gefahren von rechts bewahrt er sich bis ans Lebensende. Mit Bitterkeit sieht er, daß eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik nicht erwünscht ist. Enttäuscht stellt er fest, seine Vorstellungen von einer sozialistischen Gesellschaft haben sich nicht erfüllt.
Dokumentation: Karin Korte