Er machte es sich im Alter zur Aufgabe. der Jugend das Vermächtnis der Dachauer Häftlinge zu vermitteln.
Lange Zeit zögert er jedoch, den entscheidenden Schritt zu tun, der seinem Vater »das Herz gebrochen hätte«, wie Maislinger später einmal sagt. Erst 1931, ein Jahr nach dem Tod des alten Sozialdemokraten, tritt sein Sohn Adolf der KPD bei. Die folgenden zwei Jahre sind ausgefüllt mit Schulungsabenden der Kommunistischen Partei und gekennzeichnet von politischen Veranstaltungen und von Straßenschlachten mit der SA. Zweimal wird Maislinger als Kommunist in der Endphase der Weimarer Republik von der politischen Polizei verhört, doch danach immer wieder sofort freigelassen. Im Dezember 1932 warnt die KPD ihre Funktionäre, daß eine Machtübernahme durch die Nationalsozialisten unmittelbar bevorstehe. Sie gibt an alle die Order, möglichst viele Wohnungen auszumachen, die als Schlupfwinkel in Frage kommen. Bereits zwei Monate später, im Februar 1933, muß Maislinger bei Freunden vom Arbeiter-Schwimmverein Zuflucht suchen. In der Illegalität agiert er unter dem Decknamen »Bertl« als Kurier. Er hält Kontakt zu KPD-Genossen in Prag und Zürich und vermittelt Wohnungen an auswärtige Parteifreunde, die einen geheimen Unterschlupf brauchen. Zu den konspirativen Treffen fährt er mit dem Fahrrad, eine Pistole unter dem Jackett. Bei einer der Zusammenkünfte, die stets nach Anbruch der Nacht stattfinden, stellt er seinen Genossen die Frage: »Habt ihr euch schon einmal überlegt, was passiert, wenn sie uns erwischen?« Maislinger bezweifelt, daß er und seine Freunde den brutalen Verhörmethoden der Nationalsozialisten gewachsen sein werden. Die Kameraden reden jedoch auf ihn ein und erklären ihm, das müsse man einfach aushalten. Schon bald darauf wird einer der Genossen in der Kaufingerstraße im Münchner Stadtzentrum erkannt und verhaftet. Nach massiven Mißhandlungen verrät er die ganze Gruppe.
Maislinger kann noch rechtzeitig entkommen. Er flieht über Konstanz in die Schweiz. Im Jahre 1934 beordert ihn jedoch die KPD zurück ins Reich, um im Ruhrgebiet tätig zu werden. Dies gerät ihm zum Verhängnis. An der Grenze wird er verhaftet, der bayerischen Justiz übergeben und in einem Gefangenenwaggon nach München gebracht. Er kommt ins Polizeigefängnis in der Ettstraße. Gleich als erster muß er aus der Reihe der Gefangenen heraustreten und wird in eine Arrestzelle gesperrt. Er hat fürchterliche Angst. »Ich bin kein Held, ich bin ein Mensch, der am Leben hängt«, sagt er später. Schon am nächsten Vormittag findet das erste Verhör statt. Maislinger stellt sich unwissend, auch als ihm das Photo des mißhandelten Kameraden gezeigt wird, der ihn und die anderen Genossen verraten hat. Zu seinem Erstaunen verzichten die Vernehmungsbeamten bei ihm auf jegliche Gewaltanwendung. Bei einer Gegenüberstellung verrät ihn der weichgeprügelte Kamerad ein zweites Mal. Die Vernehmungen scheinen kein Ende zu nehmen. Ein Jahr voller Ungewißheit vergeht, dann kommt Maislinger mit einem Transport nach Berlin-Charlottenburg. Am 1. August 1935 beginnt vor dem 1. Senat des Volksgerichtshofes der Prozeß. Die Anklageschrift gegen seine Gruppe ist 72 Seiten lang. Nach drei Tagen Verhandlung steht das Urteil gegen Maislinger fest: »acht Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat«.
Nach kurzem Aufenthalt in einer sogenannten Transportzelle in Charlottenburg »mit vierzehn Betten, jeweils drei übereinander, und mit Milliarden von Wanzen dazu« kommt er nach Straubing und schließlich als »Erstmaliger« in das Zuchthaus Amberg in der Oberpfalz, wo er die acht Jahre verbüßen muß. Nach fast drei Jahren Einzelhaft wird er in eine Gemeinschaftszelle verlegt, anfangs sehr zu seinem Mißfallen, denn die Einsamkeit war ihm bisher sehr gelegen gekommen, um seine geistigen Interessen zu pflegen. Er hatte anspruchsvolle Literatur gelesen, den Faust auswendig gelernt, hatte sich Kenntnisse in Esperanto und Stenographie angeeignet und sogar einige Gedichte verfaßt. Seine neuen Zellengefährten sind bis auf zwei politische Mitgefangene allesamt Schwerverbrecher. Der athletische Maislinger - seine Glanznummer ist der Handstand auf der Bettkante - gewinnt aber auch den Kriminellen schnell Respekt ab. Nach sechs Jahren Haft wird er wieder verlegt. Er gehört nun einem Außenkommando an, das Gleisarbeiten auf der Strecke Sulzbach - Rosenberg auszuführen hat. So kommt er leichter als bisher an Informationen über das Weltgeschehen heran. Erschüttert nimmt er Kenntnis vom Hitler-Stalin-Pakt. Er fängt sich jedoch rasch und findet sogar noch die Kraft, seine demoralisierten Genossen wieder aufzurichten. Kurz vor seiner Entlassung warnt ihn ein Freund: »Adi, hau ab! Wenn du erst in Dachau bist, hast du den Sargdeckel schon droben.« Doch auf eine erfolgreiche Flucht besteht keine Hoffnung. Maislinger weiß selbst, daß ihm nach Ablauf seiner Zuchthausstrafe nicht die Freiheit winkt. Tatsächlich stellt die Geheime Staatspolizei in Berlin am 8. September 1942 einen Schutzhaftbefehl gegen ihn aus, da er »nach Verbüßung einer längeren Zuchthausstrafe wegen Vorbereitung zum Hochverrat der Befürchtung Veranlassung gibt, er werde sich in Freiheit weiterhin für den Kommunismus betätigen«.
Am 10. September 1942 wird er erneut in das Münchner Polizeigefängnis in der Ettstraße gebracht. In einer Zelle im Keller erlebt er den »ersten großen Luftangriff auf München« mit. Bald darauf wird er der Gestapo ins WittelsbacherPalais überstellt und schließlich ins KZ Dachau eingeliefert. Dort erwarten ihn bereits seine alten Münchner Genossen. Sie verhelfen ihm zu einem verantwortlichen Posten im Desinfektionskommando. In dieser Position tut Maislinger sein Möglichstes, um den Mitgefangenen zu helfen. Seine Kameraden, auch die ausländischen, danken es ihm mit lebenslanger Anerkennung und Zuneigung. Der ehemalige französische Mithäftling Edmond Michelet schreibt in seinem Buch »Die Freiheitsstraße« über Maislinger: »Ich habe keinen besseren Capo gekannt als Addie. (...) Dieser aktive Münchner Kommunist strahlte eine franziskanische Milde aus. In seinem Fenster sitzend, spielte er Harmonika. Die langsame Modulation eines Liedes von Schubert wiegte unsere morgendliche Hoffnung.« Auch im KZ gibt Maislinger seinen Widerstand gegen das NS-Regime nicht auf. Die Arbeit in seinem Kommando ermöglicht es ihm, sich im Lager frei zu bewegen. Er nutzt jede Gelegenheit, um Kontakte zu knüpfen und geheime Absprachen zu treffen. Noch bevor das illegale Internationale Häftlingskomitee entsteht, ist er bereits in einer deutschen Widerstandsgruppe aktiv, die folgende Ziele hat: das Organisieren von Medikamenten für schwerkranke Kameraden, die Unterbringung von bedrohten Mithäftlingen in leichteren Arbeitskommandos und den heimlichen Nummernwechsel bei solchen Kameraden, die auf Invalidentransport geschickt oder in ein Todeskommando gesteckt werden sollen. Ihnen gibt man die Häftlingsnummer eines Toten und läßt sie unter dem Deckmantel der neuen Identität weiterleben.

Eine weitere wichtige Aufgabe dieser Widerstandsgruppe ist die Beschaffung von Informationen, um den oft demoralisierenden Lagerparolen entgegenzuwirken. Wie schon im Zuchtbaus macht es sich Maislinger zur Pflicht, seine Kameraden auf dem laufenden zu halten und sie seelisch aufzubauen. Durch eine SS-Aufseherin erfahren die Häftlinge auch von Himmlers Befehl, den anrückenden Amerikanern in Dachau keine überlebenden Zeugen der SS- Verbrechen zu hinterlassen. Doch für Maislinger und seine organisierten Kameraden steht fest: »Kampflos erschießen lassen wir uns nicht.« Vom Dachauer Aufstand, der den Häftlingen die Rettung bringt, wissen sie zu dieser Stunde noch nichts. So diskutieren sie über den Plan, mit allen Kameraden gemeinsam das Lagertor im Jourhaus zu stürmen, falls die SS das Feuer auf die Gefangenen eröffnen sollte. Bevor es aber zum Schlimmsten kommt, erreichen die Amerikaner Dachau und machen dem Terror der SS am 29. April 1945 ein Ende. Für Maislinger ist es ein Augenblick, den er nie mehr vergißt: »Es war ein Wunder und zugleich ein Schock. Die anderen Häftlinge, meine Kameraden, kamen an mir vorbei, viele liefen, einige konnten nur noch kriechen. Irgendwann ging auch ich vor, ging eigentlich nicht mehr, sondern schwebte. (...) Ich bin auf ein Fenstersims geklettert und hab' mir alles von oben angesehen und geweint.«
Nach der Befreiung kehrt Maislinger in seine Heimatstadt München zurück. Er wird Mitglied des ersten von den Amerikanern eingesetzten Stadtrates, bekleidet dieses Amt aber nur für kurze Zeit. Bald schon bekommt er den Antikommunismus der US- Militärregierung zu spüren. Am 22. Juli 1946 wird er ohne Angabe von Gründen mit anderen prominenten KPD-Mitgliedern von der amerikanischen Militärpolizei verhaftet und in Landsberg am Lech eingesperrt. Am 20. August 1946 meldet die »Süddeutsche Zeitung« die Freilassung der Kommunisten aus Landsberg und teilt mit: »Über die Gründe der seinerzeitigen Verhaftung herrscht nach wie vor Unklarheit.« Wieder in Freiheit, tritt Adi Maislinger mit seiner Braut Ida, die er schon seit seiner Jugend kennt, vor den Standesbeamten. Bis zu seiner Pensionierung bleibt er Beamter der Stadt München. Gewerkschaftlich ist er in der ÖTV organisiert. Auch in der VVN ist er aktiv und erhält von ihr die Ehrenmedaille des Präsidiums für »hervorragende Verdienste im Widerstand« verliehen.
Mit ganzer Kraft widmet sich Maislinger der Aufgabe, in der Dachauer KZ- Gedenkstätte jungen Menschen das Vermächtnis der Häftlinge nahezubringen. Unermüdlich ist der auch im hohen Alter noch sportliche und vitale Maislinger tätig, um bei Führungen und bei Veranstaltungen mit Schulklassen und Jugendgruppen seine Erfahrungen aus dem Kampf gegen die Nationalsozialisten zu vermitteln. Bis zu 7000 junge Menschen kann er jährlich auf diese Weise erreichen. Immer wieder erhält er nach solchen Begegnungen nachdenkliche Briefe, die er nicht unbeantwortet läßt. Adi Maislinger stirbt am 26. April 1985 im 82. Lebensjahr in München.
Dokumentation: Dietrich Mittler