Johann Sedlmair


Geboren am 27. Dezember 1907 in Dachau, gestorben am 20. Mai 1979 in Dachau.

Als Dachauer Kommunist stellt er sich dem Nationalsozialismus entgegen.


Johann Sedlmair wächst in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie in der Dachauer Kolbeckstraße auf. Nach der Volksschule macht er bei der Lokomotivenfabrik Krauss-Maffei in München-Allach eine Lehre als Metallformer. Seit seiner Schulzeit ist er mit Georg Scherer befreundet, mit dem er nach einigen Jahren im »Arbeiter-Turn- und Sportverein« (ATSV), der damals antinazistischen Kräften politische Heimat bietet, wieder zusammentrifft. Später teilt er Scherers Schicksal als Häftling im Konzentrationslager Dachau.

Politische Tätigkeit

Lange vor 1933 wird Sedlmair politisch aktiv. Er tritt der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei und kämpft mit seinen Dachauer Genossen Franz Klein und Hans Moosrainer gegen den aufkommenden Nationalsozialismus:

Häftling im Konzentrationslager Dachau

Am 17. März 1933 wird Sedlmair wieder verhaftet. Ein Polizist erscheint an seinem Arbeitsplatz in Stangenried bei Indersdorf, wo er als Arbeitsloser im Straßenbau eingesetzt ist. Bei der Festnahme werden einige Hefte der Zeitung »Die Rote Fahne« entdeckt, die Sedlmair in einem Stall auf einem Balken versteckt hat. Mit aufgepflanztem Bajonett bringt ihn der Polizist zu Fuß zur nächsten Bahnstation und dann mit dem Zug ins Amtsgerichtsgefängnis nach Dachau. Von dort aus kommt er zum Verhör in die Münchner Polizeidirektion an der Ettstraße und anschließend ins Gefängnis Stadelheim. Nach seiner Verhaftung durchsucht die Polizei das Elternhaus und beschlagnahmt seine gesamten Bücher, die er nie mehr zurückbekommt.

Nach Stadelheim ist seine nächste Station das Konzentrationslager Dachau, das am 22. März 1933 eröffnet worden ist. Er zählt zu den ersten Häftlingen, die an diesem Tag aus den Strafanstalten Stadelheim und Landsberg am Lech ins Lager eingeliefert werden. Bis zum 27. Juli 1933 bleibt er in KZ-Haft. In dieser Zeit hält seine Freundin und spätere Frau, Maria Posch, Briefkontakt zu ihm: sie überweist ihm mehrmals kleinere Geldbeträge für den Einkauf in der Häftlingskantine. Über die Haft im Lager spricht er hinterher nur wenig. Am meisten hat ihn das Schicksal seiner jüdischen Mitgefangenen erschüttert, denen es besonders schlecht ergangen ist. Er berichtet seiner Frau auch, daß er beobachtet hat, wie ein Häftling abgeführt worden ist, von dem es später hieß: »Auf der Flucht erschossen.« Obwohl die Lagerzeit nur kurz war, hat sie ihn sein Leben lang verfolgt. Noch vor dem Tod hat er Alpträume vom Lager.

Ein Leben in Armut

Nach der Entlassung aus der Haft ist Sedlmair wieder arbeitslos. 1935 heiraten er und Maria Posch, die auch in den folgenden schweren Jahren stets zu ihm hält. Als Arbeiterin in einer Münchner Farbenfabrik war sie in der »Roten Hilfe«, einer Solidaritätsorganisation der Arbeiterbewegung, aktiv gewesen und hatte ihn schon vor der »Machtergreifung« im politischen Kampf unterstützt. So besorgte sie beispielsweise die Farben für die Plakataktion in Dachau. Auch Maria Posch stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Die elfköpfige Familie, die bereits 1933 den Vater verloren hat, lebt von einer kleinen Landwirtschaft in der Dachauer Flurstraße. Das Brautpaar ist so arm, daß ihm das Geld für das Hochzeitsessen fehlt. Die jungen Eheleute ziehen in die Siedlungsstraße in Dachau. Trotz der Haft hat sich Sedlmairs politische Gesinnung nicht geändert. Er bleibt weiterhin mit seinen alten Parteifreunden und Sportkameraden aus dem ATSV in Verbindung. Beständig fühlt er sich von der Polizei beobachtet.

Der verpaßte Aufstand

Als ehemaliger KZ-Häftling für »wehrunwürdig« erklärt, wird Sedlmair während des Zweiten Weltkrieges nicht zum Militär eingezogen, sondern zur Nachtarbeit bei Krauss-Maffei abkommandiert. In den letzten Kriegstagen stößt er zu den Leuten um Walter Neff und Georg Scherer, die verhindern wollen, daß die Stadt zum Kriegsschauplatz wird. Am 28. April 1945 kommt es mit der Besetzung des Rathauses durch Bürger und entflohene KZ-Häftlinge zum Dachauer Aufstand. Sedlmair will sich den Aufständischen anschließen, gelangt aber nicht mehr rechtzeitig zum Rathaus, weil die Amper-Brücke bereits von der SS gesprengt ist. Er sieht nur noch die Erschossenen vor der Sparkasse liegen und kehrt entsetzt nach Hause zurück.

Als Kommunist wieder verfolgt

Nach Kriegsende wird er als Antifaschist zunächst noch geachtet und in eine Spruchkammer berufen, vor der sich ehemalige NS-Funktionäre und Parteimitglieder zu verantworten haben. Zahlreiche seiner Notizen aus dieser Tätigkeit sind erhalten geblieben. Zunächst bekommt er eine Anstellung bei BMW in München. Doch schon bald ist er als Kommunist wieder unerwünscht und verliert seinen Arbeitsplatz. Erst 1949 gelingt es ihm, bei den »Vereinigten Werkstätten« in München unterzukommen. Dort bleibt er, bis er 1972 als 65jähriger in Rente geht. Im Jahre 1956 erhält er als »Entschädigung« für seine viermonatige Lagerhaft einen Betrag von 600 Mark. Sieben Jahre später wird er erneut von der Dachauer Polizei vernommen, nur weil er sich Schriften zum 20. Parteitag der KPdSU beschafft hat. Am 20. Mai 1978 stirbt Johann Sedlmair im Alter von 70 Jahren in Dachau.

Dokumentation: Christa Richardi