Der ehemalige SS-Schießplatz Hebertshausen auf dem Gemeindegebiet von Dachau ist ein bedeutsamer historischer Ort für Bayern, der untrennbar mit den Verbrechen im KZ-Dachau verbunden ist. Der systematische Massenmord an über 4000 sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Schießplatz stellt eines der schlimmsten Verbrechen der Naziherrschaft in Bayern dar, über das bisher wenig geforscht und veröffentlicht worden ist. Entsprechend gering war bisher auch das Wissen um die genauen Vorgänge der sogenannten "Aussonderungen", wie diese Verbrechen verschleiernd bezeichnet wurden. Auch die bisherige Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau geht nur sehr allgemein auf dieses dunkle Kapitel ein.
Im Juli 1941 wurde der sogenannte "Kommissarbefehl" auf das deutsche Reichsgebiet ausgedehnt. Damit wurden aus den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern sog. "untragbare Elemente" - also Juden, Kommunisten, Angehörige der sowjetischen Elite und "Aufrührer" - ausgesondert und im nächstgelegenen Konzentrationslager ermordet. Die Aussonderungen wurden von Sonderkommandos der Gestapo in den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht vorgenommen, die dabei sich im wesentlichen auf Denunzierungen stützten und regelmäßig Folter anwandten. Die Opfer wurden völkerrechtswidrig von der Wehrmacht aus der Gefangenschaft entlassen und der Gestapo übergeben, worauf sie innerhalb weniger Tage getötet wurden. Die meisten "ausgesonderten" Kriegsgefangenen in Süddeutschland wurden nach Dachau gebracht. Die in Hebertshausen ermordeten sowjetischen Soldaten kamen überwiegend aus Gefangenenlagern auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg in der Rhön, wo neben einem Mannschaftslager auch das einzige Lager für höhere Offiziere eingerichtet war. Von dem Offizierslager wurden 1100 Offiziere nach Dachau gebracht, von den Mannschaftslagern in Hammelburg und Nürnberg-Langwasser etwa 2000 Personen. Aus dem Wehrkreis Stuttgart wurden etliche hundert Mann nach Dachau gebracht. Aus dem Wehrkreis München kamen sowjetische Soldaten aus den Lagern in Memmingen und Moosburg. Von den in den Gefangenenlagern "Ausgesonderten" hat keiner überlebt, der nach Dachau gebracht wurde. Ihre Namen durften nach Anweisung durch die SS-Führung im KZ Dachau nicht in die Lagerliste aufgenommen werden, sondern nur die Nummern ihrer Erkennungsmarken notiert werden. So sollte ihre Identifizierung für immer unmöglich gemacht werden.
Über den Hergang der Morde in Dachau berichtet der Augenzeuge Josef Thora bei seiner
Vernehmung vor dem Landgericht Nürnberg im Jahre 1950. Er hatte sich als Dolmetscher des
Kriegsgefangenenlagers
Moosburg
freiwillig als Begleiter eines Transportes mit
"Ausgesonderten" gemeldet, um zu erfahren, was mit ihnen in Dachau geschah. Er schildert
seine Erlebnisse so:
"In eine der Schießfluchten (des Schießplatzes Hebertshausen) fuhren die LKW mit den
russsischen Kriegsgefangenen rückwärts hinein. Die Kriegsgefangenen mußten aus den LKWs
herausspringen und sich in der Flucht in der Reihe von 5 Personen aufstellen. Darauf wurde die
Anordnung gegeben, daß sich alle Kriegsgefangenen nackt ausziehen mußten. Auf den Wällen
standen einige SS-Soldaten mit bereitgestelltem Maschinengewehr.
Die russischen Kriegsgefangenen merkten in dem Zeitpunkt, wo sie sich entkleiden mußten, was
mit ihnen geschehen sollte. Die Reaktion darauf war bei ihnen sehr verschieden. Eine Anzahl
führte den Befehl schweigend aus und stand wie gelähmt dort, andere sträubten sich, fingen an
zu weinen und zu schreien, riefen vor allem nach mir als dem Dolmetscher. Ich sollte den SS-
Leuten verdeutschen, daß sie Gegner des Bolschewismus seien, daß sie Mitglieder der russischen
Kirche seien. Zum Beweis dafür zeigten sie mir das auf ihrer Brust hängende russische Kreuz.
Da ich natürlich nichts ausrichten konnte, entfernte ich mich in eine andere Ecke des
Schießplatzes. Nach kurzer Zeit begann die Exekution der Kriegsgefangenen. Eine Gruppe von 5
SS-Leuten faßte je einen Kriegsgefangenen bei der Hand und führte diesen im Laufschritt aus
der einen Schießflucht in die andere hinein, um sie an die im vorderen Teil der Schießflucht
befindlichen etwa 1 m hohen Holzpflöcke anzubinden. Hierfür waren offenbar eigene
Vorrichtungen getroffen, denn das ging sehr schnell. Darauf entfernten sich die SS- Leute und es
stellte sich in einer Entfernung von etwa 15 m eine Gruppe von meines Wissens 20 bewaffneten
SS-Leuten auf. Auf ein Kommando feuerte jeder dieser SS-Leute einen Schuß ab. Ein großer Teil
der 5 Gefangenen sank sofort, aber langsam zu Boden. Wenn noch einer stehenblieb, lief der
Leiter des Kommandos nach vorne und gab dem betreffenden Gefangenen einen Genickschuß.
Dann trat das Exekutionskommando beiseite und es fuhr eine weitere Gruppe von SS-Leuten zu
den erschossenen Gefangenen, um diese auf einen Rollwagen zu verladen. Man fuhr dann die
Leichen aus der Schießflucht heraus und warf sie auf einen Haufen."
Nach der bislang herrschenden Meinung der historischen Forschung wurde vor allem 1941/42
ein großer Teil der sowjetischen Kriegsgefangenen aus ideologisch bedingter Gleichgültigkeit
gegenüber ihrem Schicksal bzw. der dezidierten Vernichtungsabsicht nicht registriert. Das habe
zur Folge gehabt, daß diese Gefangenen in einem rechtsfreien Raum lebten und man daher bei
ihrem Tod keinerlei Rechenschaft schuldig gewesen sei, denn in formaler Hinsicht hätten sie
überhaupt nicht existiert. Dementsprechend sei der Tod vieler Rotarmisten nicht vermerkt
worden; sie seien einfach in Massengräbern verscharrt worden, so daß im Gegensatz zu den
Verstorbenen anderer Nationen im Nachhinein ein Nachweis über ihren Verbleib und ihre
Grablage nicht möglich sei. Infolgedessen ruhe auf den sowjetischen Kriegsgräberstätten in
Deutschland eine unbekannte, auf jeden Fall immens hohe Anzahl von Toten. Für den Friedhof
des Stalag 326 (VI K) Senne beispielsweise nennt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
die Zahl von 66 186 Toten, von ihnen mehr als 65 000 unbekannt.
* Diese Unterlagen wurden nach dem Krieg aus ihrer ursprünglichen Ordnung gerissen und
völlig willkürlich zu neuen, jeweils etwa 100 Karteikarten umfassenden Aktenbänden
zusammengebunden. Eine Ordnung etwa nach Lagern oder nach dem Alphabet besteht nicht;
die Offizierskartei ist nach dem russischen Alphabet neu geordnet worden.
* Der Zugriff von russischer Seite ist über eine nach dem Krieg erstellte Kartothek
ausschließlich personenbezogen möglich, so daß sich eine Suche etwa nach Verstorbenen,
die auf einem bestimmten Friedhof liegen, undurchführbar ist. Eine Übersicht über den
Verbleib von Verstorbenen läßt sich nur erstellen, wenn der gesamte Bestand systematisch
erschlossen wird. Da auf russischer Seite - wie im übrigen auch auf der deutschen - keinerlei
Kenntnis der Wehrmachtbürokratie vorhanden ist, konnten Anfragen von Angehörigen
sowjetischer vermißter Soldaten - monatlich gehen etwa 7000 Anfragen in Podolsk ein -
deswegen in den meisten Fällen bisher nur unzureichend beantwortet werden.
1964 wurde vor den Kugelfängen ein Gedenkstein des Künstlers Will Elfers aufgestellt, den die Lagergemeinschaft Dachau gestiftet hatte. Er wurde vom Finanzministerium nach kurzer Zeit von dort entfernt und am Eingangstor zum Schießplatz aufgestellt. Alle Hinweistafeln zum Gelände ließ man beseitigen und die Schießbunker verfallen. Bereits 1966 wandte sich die sowjetische Botschaft mit einem offiziellen Schreiben an das Auswärtige Amt und beklagte vergeblich die Verwahrlosung des ehemaligen Schießplatzes. Das Gedenken an das Geschehen wurde in der Zeit des Kalten Krieges vor allem von kleinen kommunistischen Gruppen wachgehalten. In den achtziger Jahren kamen dann viele Gruppen aus der Friedensbewegung dazu, die den "Friedensweg Dachau-Hebertshausen" bildeten.
Aber erst 1997 gelang es einer Gruppe engagierter Bürger, diese Politik des Vergessens und
Verdrängens von Seiten der staatlichen Stellen aufzuhalten. Das Finanzministerium reagierte
schließlich auf den Druck und das Gelände wurde an das Kultusministerium übertragen, welches
es in die Obhut der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit gegeben hat. Als erste
Maßnahme wurde der Schießbunker vor dem drohenden Einsturz bewahrt, indem die
Betondecken mit einer aufwendigen Stahlkonstruktion abgestützt wurden. Der Wildwuchs von
Bäumen und Sträuchern um den Kugelfang wurde zurückgeschnitten und vor allem wurde der 4
Tonnen schwere Gedenkstein wieder an seinen ursprünglichen Aufstellungsort zurückversetzt.
Damit war ein deutliches Zeichen gesetzt, daß die staatliche Politik in Bezug auf den Gedenkort
ehemaliger Schießplatz Hebertshausen sich verändert hat. Inzwischen sind sogar einige
Hinweistafeln auf dem Gelände aufgestellt worden, die den Besucher in mehreren Sprachen
informieren.
Die Generalkonsulate von Rußland und der Ukraine in München haben den ehemaligen Schießplatz Hebertshausen inzwischen als Gedenkort für ihre gefallenen Soldaten angenommen und veranstalten die jährlichen Gedenkfeiern am 23.Februar zum Tag der Soldaten an diesem Platz. Aber es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis der ehemalige Schießplatz Hebertshausen von der benachbarten Gemeinde dieses Namens in gleicher Weise in ihre Geschichte aufgenommen wird, wie es in Dachau nach vielen Mühen gelungen ist.
Bernd Empen, 7.7.2000